Ein Gedicht

Es gab Zeiten, da kannte ich das Wort Selbstliebe oder anders ausgedrückt mich selbst nicht. Ich funktionierte ziemlich gut, voller Energie und immer im Einsatz. Das Leben war klar geregelt: Arbeiten, viel arbeiten, noch mehr arbeiten, im Urlaub erholen, Ausgehen, Menschen treffen, Organisieren, Planen… Ruhezeiten nutzte ich zum Aufräumen, schnell noch für Sport oder zum Erledigen von Dingen, man findet ja immer etwas. Ich war also dauerhaft im Tun. So ungefähr kann ich das hier in Kürze zusammenfassen.

Rückblickend war es eine Zeit der aktiven Vermeidung von Ruhe und sich selbst überhaupt hören zu können. Ich gehorchte dem, was ich glaubte tun zu müssen (Gedanken) und der Außenwelt. Es war ein Bedienen meiner selbst erschaffenen Ziele und vermeintlichen Erwartungen der anderen. Achtsamkeit und Präsenz hätte ich vermutlich mit einer leichten Arroganz eher belächelt. Brauchte ich nicht. Stille war mir größtenteils fremd und wäre für mich eine Art Langeweile oder gar Bedrohung gewesen. Wer wäre ich denn dann, einfach nur so? Freie Zeit musste immer gefüllt und sinnvoll oder irgendwie genutzt sein.

In Zusammenhang mit Ruhe und Stille fällt manchmal die Formulierung „die Zeit totschlagen müssen“. Eine gewaltvolle Sprache gegen sich selbst. Ruhe-Zeit als Einladung zum Kampf. Oder: „Stille…ich kann das nicht.“ Wer kann es da mit wem nicht aushalten? Sich selbst gegenüber mehr Feind als Freund sein. Verrückt. Und doch scheint das ruhelose Verhalten das „Normalste der Welt“ zu sein. Alles andere wirkt eher verrückt.

Diese unruhigen Zeiten haben sich für mich geändert. Ich bin froh. Gefühlt bin ich intuitiv seit einigen Jahren auf dem Weg diese Phase der Unbewusstheit und Selbstleugnung Schritt für Schritt zu verlassen. Weiterhin im Tun, weiß ich, wie viel Kreativität Ruhephasen hervorbringen können und wie gut der Geist neue Lösungsideen abseits bekannter Pfade finden kann. Die innere Stimme erhält mehr Gehör. Ich gebe zu, ich pendle immer noch hin und her. Mal mehr zur einen Seite, mal mehr zur anderen. Die Selbstleugnung wird mir heute schneller bewusst. Sie ist nicht mehr die einzig existierende „illusorische Wahrheit“. Und das ist das Leben. Es bietet viele Möglichkeiten zum Lernen.
Wie schön!

Zwei Gedichte entstanden zu diesen Gegensätzen des Seins. Sie lassen sich einzeln oder gegenüberliegend in Spiegelform lesen. Entstehen konnten sie nur, da ich beides selbst erfahren habe.

Eine Einladung.

Selbstleugnung

Du lebst für deine Außenwelt
Du richtest dein Tun nach den anderen
Du tust alles für ihre Anerkennung
Du rennst ohne innezuhalten
Du musst so vieles noch erreichen
Du findest immer Neues
Du funktionierst wie eine Maschine
Du lebst für deine Außenwelt

Du verlierst deine Verbindung
Du weißt nicht mehr, wer du bist
Du blickst zurück und machst weiter
Du erkennst dein Verhalten
Du spürst deinen Schmerz
Du leugnest deinen Schmerz
Du meidest das Licht
Du lebst für deine Außenwelt

Du verbleibst im Dunkeln
Du bist dort sicher
Du kannst dich verstecken
Du ignorierst deine innere Stimme
Du betäubst sie mit Gedanken
Du kannst es begründen
Du musst so vieles noch erreichen
Du lebst für deine Außenwelt

Berlin, im November 2019

Selbstliebe

Du lebst für deine Innenwelt
Du richtest dein Tun nach dir selbst
Du tust alles, um im Gleichgewicht zu sein
Du nutzt die Stille für deinen Weg
Du gehst im Einklang mit dir selbst
Du lebst in der Tiefe des Moments
Du bist im Fluss des Lebens
Du lebst für deine Innenwelt

Du bist mit dir verbunden
Du weißt immer, dass du bist
Du lernst aus deinen Fehlern
Du korrigierst dein Verhalten
Du spürst deinen Schmerz
Du akzeptierst deinen Schmerz
Du stellst dich ins Licht
Du lebst für deine Innenwelt

Du liebst das Licht
Du bist dort sicher
Du bist dort sichtbar
Du hörst deine innere Stimme
Du folgst nicht blind deinen Gedanken
Du musst nichts begründen
Du hast im Außen nichts zu beweisen
Du lebst für deine Innenwelt

Berlin, im November 2019

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