Dieses Jahr hat uns Menschen weltweit einiges abverlangt. Ein Jahr, das global einen Stillstand hervorgerufen hat, uns unsere Verletzlichkeit gezeigt hat und uns die Illusion von planbarer Zukunft vor Augen geführt hat. Ein denkwürdiges Jahr, das uns auch viel lehren konnte und Veränderungen anregte.

Wenn ich es Monat für Monat Revue passieren lasse, dann kommen mir folgende Bilder:

Ich lebe nun seit 20 Jahren in Köln und war tatsächlich im Januar zum ersten Mal auf einer Karnevalssitzung, einer Einladung folgend. Es hat viel Spaß gemacht und rückblickend sehen die Bilder aus wie aus einer anderen Zeit.

Bereits in diesem Monat beschlich mich so ein ungutes Gefühl in Bezug auf die Ereignisse in China, die ich seit Beginn der Berichterstattung verfolgte. Mein erster Gedanke zu den Bildern dort war, dass wir die Schnittstelle Mensch – Tier – Natur, auch im Hinblick auf unsere Ernährungsgewohnheiten spätestens jetzt nochmals überdenken und anpassen sollten. Also tat ich das intuitiv für mich und entschied mich Ende Januar auf meinen mittlerweile sehr reduzierten Fleischkonsum nun komplett zu verzichten.

Und während der Karneval in Köln im Februar in vollem Gange war, sind Thomas und ich auf der schönen Insel Madeira gewandert und haben die Zeit dort sehr genossen. Es ist „normalerweise“ die einzige Woche im Jahr, in der Thomas‘ Fitnessstudio drei Tage geschlossen hat und es ist für uns mittlerweile ein Ritual dem Trubel in Köln zu entfliehen und erholt in das Frühjahr zu starten. Kurz vor der Rückreise von Madeira ahnten wir, dass es nun besser sei Zuhause zu sein als irgendwo in der Welt unterwegs. 

Und keine zwei Wochen später bahnte sich Mitte März der erste Lockdown an. Ein Wort, das wir vorher in diesem gesellschaftlichen Zusammenhang nicht kannten. Eine Achterbahn an Gefühlen: Das Unternehmen zu schließen, Kundenverträge storniert zu sehen. All dies lief wie in einem Film im Schnelldurchlauf ab. Es schmerzte durchaus in den ersten Tagen des Lockdowns. Rückblickend bemerkte ich dieses Kontrollverhalten, wie das eindrückliche Nachfragen: Hast du dir auch die Hände gewaschen??!! – ehrlich gesagt, kam das mehr von mir. Oder das vor allem gedanklich produzierte leichte Halskratzen nach dem intensiven Konsum von Medien und Zahlen. Damit einhergehend bewusst zu erleben, wie stark Gedanken auf uns einwirken und wie wichtig es ist diese wahrzunehmen und gut auf sich und die Gedanken zu achten. Oder meinem anfangs engagierten und übertriebenen Versuch alles wirklich genauestens verstehen zu wollen. 

Im April kam dann etwas Gelassenheit in dieses Thema hinein. Ich klinkte mich aus den informativen Podcasts allmählich aus. Informationsfasten war für mich eine gute Art der Unterbrechung für meinen Geist, immer wieder in diesem Jahr. Allzu viel gab es nun nicht mehr zu wissen. Ich wollte nicht zu einer von weiteren zig Millionen Experten in Deutschland werden, das ständige Reden und Nachdenken über dieses neue Virus war auch wenig zielführend. Das empfohlene Verhalten war ja schnell klar. Bis heute hat sich an den Regeln nichts geändert. Außerdem gab und gibt es noch weitere Themen im Leben.

Das Wetter war wie ein Geschenk für die Seele und so konnten wir gefühlt auch kollektiv bis in den Mai hinein die Stille, das Aufblühen der Natur, das Vogelgezwitscher und die ungewohnte Stille am Himmel bewusst wahrnehmen. Mit dem Fahrrad machte es mir Freude auf den Straßen völlig sicher und in einer nahezu autofreien Stadt unterwegs zu sein. Das hat die Welt bisher noch nicht gesehen. Aus dieser Perspektive betrachtet: was ein Geschenk auch! 

Mitte des Monats war der Lockdown zu Ende, Thomas öffnete das Fitnessstudio und ganz langsam kehrte Lebendigkeit in die Stadt zurück. Beruflich war es an der Zeit die vom Lockdown betroffenen Bereiche näher zu beleuchten. Was macht noch Sinn, was mache ich weiter und was nicht und in welcher Form? Altes loszulassen bringt Energie in das Neue. Dem Coaching mehr Aufmerksamkeit schenken. Ja!  Da war einfach schon lange viel mehr Energie. Außerdem, eine online Lesung wollte ich schon längst mal angeboten haben. Jetzt ist doch ein guter Zeitpunkt. Doch so ein paar Gedanken wie: „Ich weiß nicht, wie ich das genau machen soll, die ganze Technik und so…? Und, wer weiß, ob das jemanden interessiert? Und überhaupt, was ist, wenn …? waren präsent. Und genau diese sind unsere wahren Helfer, wenn wir hinhören und uns dabei ertappen, Dinge aufzuschieben. Denn dahinter verbergen sich Blockaden, wir geben unseren Gedanken Bedeutungen. All das passiert unbewusst: Bei mir war es die latente Angst vor Ablehnung oder vor Kritik und mich öffentlich mehr zu zeigen…was ist, wenn…? 

Die Zeit war reif, weiter zu wachsen. Ich investierte in mich! Diese Investitionen sind die wertvollsten. Mit Hilfe von Coachings und einem Programm zum Aufbau meines online Coaching Business (international sollte es auch direkt werden) durfte ich einige meiner Blockaden besser erkennen und verabschieden und kam mit meinen Wünschen und Ideen im Juni bereits viel schneller ins Tun. Für mich war es erneut der Beweis wie fruchtbar Coaching und Reflexionsarbeit immer wieder für mich selbst ist. Raus aus den alt bekannten Wiederholungen, rein in das Neue. Es stand natürlich viel Arbeit an. Mit Freude und Bereitwilligkeit fühlt sich diese jedoch nicht so an, denn sie gibt Energie. 

Der Sommer brachte uns durchaus viel Leichtigkeit in Zeiten dieser Pandemie. Im Juli stand mein runder Geburtstag an. Was tun? Wie feiern? Überhaupt feiern? Formal war es ja erlaubt. Aber diese formalen Erlaubnisse fühlten sich in diesem Jahr häufig für mich nicht stimmig an. Die Entscheidung fiel dann leicht: „Wir fahren zu meinen Eltern nach Kroatien, schön ans Meer.“ Meine Schwester samt Familie würde ja dann auch dort sein. Ist doch super! Und in einem Moment der Stille auf dem Balkon war das Bild klar, wie ich feiern wollte: im nahegelegenen Hotel wollte ich zum Essen einladen. Wir acht hatten gemeinsam einen ganz tollen Tag und ich hatte einen sehr besonderen Geburtstag. Ich bin sehr dankbar, dass all das möglich war. 

Marijana Brdar präsentiert den gedeckten Essenstisch.
Warten auf meine Gäste – Hotel Berulia Brela (Foto privat)

Eine Woche später, grad wieder zurück in Köln verstarb mein Lieblingsonkel überraschend (in Bosnien-Herzegowina). Das Anreisen, verbunden mit Corona-Test, bestimmten Auflagen, die Beerdigung direkt am übernächsten Tag…es war zwar nicht unmöglich, doch sehr viel komplizierter als „sonst“. Nachdem ich entschieden hatte, nicht ad-hoc noch zu reisen, fand ich für mich ein besonderes Verabschiedungsritual: mit Feuerschale auf dem Balkon zeitgleich mit Beginn der Beisetzung. So konnte ich zwar fern und ihm sehr nahe gut Abschied nehmen, intensiv und sehr persönlich. Verabschiedungsrituale sind wichtig. Und in diesem Jahr empfand ich vor allem die Einschränkung des Abschiednehmens als durchaus größte Herausforderung für Betroffene auf der Welt. Alles andere lässt sich später tun. Abschied nehmen nicht.

Im August veröffentlichte ich einen weiteren Artikel für die Zeitschrift momentum (Gesellschaft für biologische Krebsabwehr) über die Rolle der Reisebegleiter für Krebspatienten: hier lesen. Und dann begegnete mir eine engagierte junge Frau, Denise Rudolph. Sie interviewte mich zu meinem Buch. Eine erste Interview-Erfahrung vor der Kamera, die viel Freude machte. Inspiriert war ich vor allem auch von Denise‘ Engagement, ihre Ideen in die eigene Hand zu nehmen und einfach umzusetzen. Unser Interview erscheint Anfang 2021. Eine weitere neue Erfahrung in diesem Jahr. Der August wurde meine Buch-Monat, spontan und ungeplant. Ich habe zusammen mit dem Carl-Auer Verlag Exemplare meines Buches für den Verein LebensWert an der Uniklinik in Köln gespendet und einen Beitrag für Betroffene und Begleitpersonen leisten dürfen.

Bücherspende für LebensWert e.V. mit GF Uwe Schwarzkamp in Köln – (Foto privat)

Im September war es endlich soweit: Die online Lesung in den sozialen Medien! Mein eigenes ehrenamtliches Projekt war am Start. Eine ganz neue Erfahrung live online präsent zu sein und aus meinem Buch zu lesen. Ich hatte es seit der letzten Lesung im April 2019 nicht mehr gelesen – das eigene Buch steht nicht auf der Liste der Bücher „nochmals lesen“ – und es war erneut für mich interessant auf die eigene Reise und die Botschaften im Buch zu blicken, ein weiteres Jahr war vergangen. Ich hatte das Gefühl, ich verbinde mich erstmals so richtig mit meinem Buch, also dem Werk selbst und beginne es zum ersten Male richtig wertzuschätzen. Was ein Prozess, zwei Jahre später. Ich buchte eine „virtuelle Assistentin“ und mir wurde Elisabeth zugeteilt – ein Glücksgriff. Alle technischen Fragen, die Organisation und das Bewerben der Lesung, um all das kümmerte sich Elisabeth, nach meinem neuen Motto: „Who else can do this?“ Eine kleine und sehr kraftvolle Frage. Die Antwort heißt: Abgeben! Wir können nur besser werden in dem was wir tun, wenn wir Unterstützung haben. Und mit Menschen um uns herum, die etwas viel besser können als wir selbst oder bestimmte Aufgaben viel lieber tun.

Ende September durfte mein Seminar an der Uniklinik unter strengen Hygienemaßnahmen stattfinden und ich freute mich: „Ich kann mehr als ich denke!“ Ich liebe dieses offene  Seminarkonzept. Die Anspannung stieg damals jedoch in der Uniklinik, es gab wieder deutlich mehr Infizierte auf den Stationen. Das Seminar konnte noch stattfinden. Ich bin dankbar und durfte weitere neue Erfahrungen sammeln: Wann gibt man schon Seminare mit Masken, Abstand, strengster Sitzordnung?

Der Oktober ist da… puuuh, was ein Jahr bis hierhin. Irgendwie hat sich alles doch gefügt. Es ist spürbar, die Stimmung in Köln spannte sich weiter an. Ich stornierte meinen Flug nach Kroatien. Ich hatte vor nochmals meine Eltern zu besuchen und ans Meer zu fahren. Dieses Jahr ist das Jahr des Abwägens, was muss sein und worauf kann ich verzichten, immer wieder. Ich entscheide mich erneut für Verzicht und nicht an gedanklichen Plänen anzuhaften. Mit dieser Haltung ist es leichter. Nehmen, was kommt und flexibel bleiben. 

Im November arbeitete ich an meiner neuen Webseite, groovte mich mehr und mehr in die Formate des online Coachings ein. Und dann ist er erneut da: Dieser zweite Lockdown (light) trifft uns mit unserer Firma reconnect bzw. Thomas mit seinem Fitnessstudio wieder geballt. Tja, was ein Jahr, es ist fordernd…Das Interessante ist, dass die erste Erfahrung uns gemeinsam für die Zweite anders vorbereitet hat. Annehmen, Ideen entwickeln, weitermachen, innehalten und die Unternehmen auf das Morgen weiter und verändert mit Zuversicht vorbereiten.

Und jetzt kommt das allerbeste: Thomas hat im ersten Lockdown begonnen zu kochen. Das hat er vorher nie gemacht! Er war immer gut darin, für uns Essen zu holen oder mit mir essen zu gehen. Trotz des Lockdowns hatte er genug mit seinem Unternehmen zu tun, aber die Abende waren erstmalig täglich (und erneut) frei. Und so fing er bereits im April an und probierte sich an Spargelgerichten aus und Fisch (für uns) oder Fleisch (für sich). In diesem zweiten Lockdown packte ihn die Recherche nach Rezepten. Ich bin völlig baff, immer noch. Es gab Dorade in Salzkruste, selbst gemachte Pizza, frischen Fisch mit Broccoli und Mandelsplittern, Tofuburger mit Avocadocreme oder für mich Gemüsepfannen, alles mega nett serviert. Die Küche habe ich bereitwillig nun abgegeben. Was Krisen so an Veränderungspotential haben, irre…der Blick darauf lohnt, also auf die Veränderungspotentiale.

Es ist Dezember. Diese Webseite geht online. Ich lasse das Jahr ausklingen. Langsam aber sicher in die Ruhe kommen. Es geht allen in meinem Umfeld gut. Thomas und ich haben das Beste aus diesem Jahr gemacht. Mein Patenkind ist grad Mutter geworden, meine in Jahren längste Freundin Claudia Großmutter. Wahnsinn. Ich bin gerührt. So toll. Das Leben geht weiter, was ein schönes Zeichen zum Jahresausklang. Wir können für so vieles dankbar sein.

Und auch dieses Jahr geht zu Ende. Vieles war anders, die äußeren Rahmenbedingungen haben uns gefordert und auch gefördert. Es gab Tage, an denen mich ein dumpfes Gefühl und eine Schwere begleitete. Es gab Tage, da spürte ich die Unruhe der anderen. Es gab Tage, da wollte ich wieder viele weitere Antworten finden. Es gab Tage im Lockdown, da berührte mich die liebevolle Kreativität der kleineren Einzelhändler im Veedel. Es gab Tage, da fragte ich mich, wie lange es wohl noch so weitergehen würde? Bis ich mich erinnerte: Das Leben bietet uns eine Bühne zum Lernen und Wachsen und wir haben immer die Wahl…an jedem Tag, wofür wir uns entscheiden möchten. 

Dieses Jahresende wird still. Für viele von uns zum ersten Mal vielleicht ganz anders oder sogar besinnlich, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich wünsche allen ein friedliches Weihnachtsfest, einen stillen Jahresausklang sowie einen guten Rutsch und zuversichtlichen Übergang in das Neue. 

Köln, 21. Dezember 2020

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